Exklusiv-Interview - Teil 1

„Wenn du Überwachung brauchst, hast du die falschen Mitarbeiter“

Mehr Freiheit und Eigenverantwortung - die neue Arbeitswelt braucht ein neues Verständnis von Arbeit. Nicht nur die Angestellten müssen ihre Rolle jetzt neu definieren.

German Ramirez ist Experte für digitale Fragen und Blockchain-Technologien in der Agentur The Relevance House. Im ersten Teil unseres Exklusiv-Interviews spricht er über die veränderten Bedürfnisse von Arbeitnehmern und erklärt, warum er Chefs, die Homeoffice skeptisch sehen, zu rigorosen Maßnahmen rät.

GENERATION Homeoffice: German, du beschäftigst Dich als Coach und Unternehmensberater mit Fragen zu Digitaler Transformation. Jetzt erlebt das Homeoffice einen wahnsinnigen Boom. Ist das eine Momentaufnahme wegen Corona, die nach der Krise verpufft? Oder ist es tatsächlich erst der Anfang einer neuen Arbeitswelt?

German Ramirez: Was jetzt ans Licht kommt, ist eine neue Arbeitswelt, die längst am Entstehen war. Wir sehen seit vielen Jahren eine klare Tendenz, dass Arbeitnehmer mehr Freiheit und Selbstbestimmung möchten. Corona hat das letztlich erzwungen beziehungsweise beschleunigt. Der Wunsch, das Bedürfnis, ist eine reifere Art der Arbeit.

Viele Arbeitgeber wollen ihren Mitarbeitern so viel Selbstbestimmung aber nicht geben…

Wir dürfen nicht vergessen - Arbeitgeber sind auch Arbeitnehmer. CEOs, Chefs, HR-Leute - der überwiegende Teil von ihnen ist auch angestellt. Aber die meisten vertrauen den Mitarbeitern eine Stufe darunter nicht. Das ist das Ironische daran, dass jeder meint, nur er selbst würde verantwortlich handeln.

Studien belegen, dass Arbeitnehmer im Homeoffice mehr arbeiten als im Büro. Dennoch gibt es nach wie vor Vorbehalte. Was sagst du den Chefs?

Ich sage ihnen, sie sollen alle Mitarbeiter sofort feuern. Denn offensichtlich haben sie Leute eingestellt, die es ausnutzen, sobald man ihnen nicht über die Schulter schaut, und im Internet surfen oder Netflix gucken. Wenn du Überwachung brauchst, hast du die falschen Mitarbeiter. Dann wird ihnen bewusst, dass sie das nicht machen können.

Daher rate ich: ‚Probiert es aus, gebt den Leuten die Freiheit. Und wenn es nicht funktioniert – feuert sie.‘ Lass die Menschen wachsen, ist meine Devise. Netflix macht das vor. Dort können die Mitarbeiter beispielsweise so viel Urlaub nehmen können, wie sie wollen.

Das ist in vielen Bereichen möglich, aber wie kann Eigenverantwortung beispielsweise am Fließband funktionieren? 

Es ist immer die Frage, wie man Arbeitsverhältnisse abbildet. Wir werden an der Zeit gemessen. Das hat aber gar nichts zu tun mit dem Mehrwert, der generiert wird. Bezahle die Leute am Fließband pro Einheit und nicht pro Stunde – dann übernehmen sie Eigenverantwortung. Arbeitszeiten wurden damals in Fabriken eingeführt und später aufs Büro übertragen. Aber eigentlich sollte es mir überlassen werden, wie und wann ich meinen Job erledige. Bei mir in der Firma ist es so, dass ich den Leuten sage, was gemacht werden muss. Und dann frage ich, wie lange sie dafür brauchen.

Warum tun sich die Menschen so schwer beispielsweise mit einem Recht auf Homeoffice?

Homeoffice ist deshalb oft ein Problem, weil es eine Abkopplung gibt zwischen dem, wie ich gemessen werde und dem, wofür ich bezahlt werde.

Es gibt natürlich Situationen, wo man die Leute im Office haben muss. Aber sonst sollen sie ins Büro kommen, wenn sie wollen. Bei uns konnte jeder Homeoffice machen, der wollte. Allerdings war es schon bevorzugt, dass die Leute im Office arbeiten. Denn in einem Team entsteht immer auch eine Kultur. Wir bekommen jetzt zwei neue Mitarbeiter. Da die meisten im Homeoffice sind, ist die Frage, ob dieser Team-Spirit auch per Video entsteht.

Du sprichst die zwischenmenschliche Ebene an – wie lässt sie sich im Homeoffice ersetzen?

Wir machen beispielsweise jeden Morgen einen Call mit dem ganzen Team. Da fragen wir „wie geht es dir heute?“ und besprechen die Themen für den Tag. Gibt es Probleme, klären wir sie danach zu zweit. Per Video ist es zwar nicht das Gleiche, wie die Gespräche auf dem Flur oder in der Kaffeeküche, aber es geht. Außerdem haben wir wöchentliche Apéros, wie das in der Schweiz heißt, und dazu trinken wir ein Glas Wein. Das sind Möglichkeiten, den Menschen einen Raum fürs Zwischenmenschliche zu geben.

Arbeitest du selbst auch im Homeoffice?

Ja, immer mal wieder. Aber vor allem treffe ich Kunden oder Menschen, die noch nicht wissen, dass sie Kunden werden. Menschen zu überzeugen und miteinander zu connecten funktioniert in 3D besser. Da geht es auch um Gerüche oder Haptik, auch wenn ich die Leute nicht anfasse. Ich bin kein esoterischer Mensch, aber man spürt einfach die Energie, die rüberkommt. Der Dialog ist viel fließender. Wenn ich nur Infos austauschen will, sind Homeoffice oder eine Videoschalte perfekt. Wenn man überzeugen will, geht es physisch besser. Denn am Ende entscheidet das Bauchgefühl. Und man fühlt nun mal mit dem ganzen Körper.

Homeoffice ist ja nur ein Teil der digitalen Transformation. Was gehört noch dazu? 

Viele HR-Abteilungen verstehen unter Transformation eine reine Übertragung von einem Tool ins Netz. Also, statt gedruckter Stellenangebote gibt es die Stellenangebote online. Aber wenn das Tool vorher schon schlecht war, ist es online genauso schlecht. Und Stellenausschreibungen sind schlecht.

Warum sind Stellenausschreibungen schlecht?

Es gibt immer etwa 25 Prozent der Arbeitnehmer, die aktiv suchen. Sie sehen die Anzeigen. Studien besagen allerdings, dass null Prozent der Arbeitgeber loyal sind und neun Prozent der Arbeitnehmer. Das bedeutet, 90 Prozent der Menschen sind eigentlich willig zu wechseln. Also drehst du das Ganze um und suchst dir über Plattformen wie LinkedIn oder Xing die Leute, die du brauchst.

Wie wirkt sich die digitale Transformation auf die Arbeitswelt aus?

Wir sind gerade erst am Anfang von einem Trend, wo die Qualität der Arbeit nach außen getragen wird. Der Kunde erlebt ganzheitlich, wie kundenorientiert, wie kreativ oder wie engagiert ein Unternehmen ist – es ist eine Liquid Experience.

Auch die Bedeutung der Unternehmenskultur wird sich verändern. Teams werden anders zusammengestellt. Wir werden uns nach Soft-Faktoren, wie Führung, Anerkennung oder Kritik, matchen, nicht wie früher nach Hard-Faktoren, wie Fehlzeiten, Fluktuation oder Produktivität.

Was wird dann für Arbeitnehmer entscheidend sein?

Heute wollen Mitarbeiter happy sein. Statt Sicherheit und Karriere möchten sie einen Purpose, also einen Sinn. Wir müssen daher fragen, wofür gehen Menschen arbeiten? Was spielt außer Geld eine Rolle? Die Bedeutung von Arbeit in unserem Denken ändert sich. Corona ist zwar eine Katastrophe, aber in Bezug auf den Wertewandel ist es ein Tritt in den Hintern, der uns nach vorne bringt.

 

German Ramirez berät Firmen zur Digitalen Transformation und hält Vorträge über Themen von Morgen und Übermorgen. Seine Schweizer Full-Service-Agentur The Relevance House bringt Unternehmen und Start-ups in Sachen Blockchain und der Vermarktung digitaler Währungen auf den Weg. Als Digital Pioneer spricht er gerne über die Beziehung zwischen Technologie und Menschheit. Für ihn ist es eine Liebesgeschichte. Natürlich mit einem Happy End. 

 

Teil 2: „Dezentralisierung ist die einzig sinnvolle Möglichkeit für die Zukunft“

 

Mehr zum Thema:

"Auf die Barrikaden geht keiner"

"Ein ganzes Land als Geisel"

Empfehlungen